Vom Regen auf den Thron und zurück

Wie es Aljaksandr Hleb schaffte, sein Talent zum Fenster raus zu werfen

Weißrussland. Ein unbedeutender Landflecken zwischen Russland und Polen, der Geburtsort von Maler Marc Chagall und der diktatorisch-angehauchte Präsident Aljaksandr Lukaschenko. Mehr – oder nicht mal das – fällt den meisten Leuten zu Weißrussland nicht ein. Weltklasse-Sportler gibt es zwar, allerdings nur wenige. Die Biathletin Darja Domratschewa zum Beispiel, oder die ehemalige Tennis-Weltranglisten-Erste Victoria Asarenka. Im Fußball machen die Weißrussen nur selten auf sich aufmerksam. Dabei gab es einen Spieler, der durchaus Weltklasse-Potenzial besessen hätte. Gäbe es eine Liste jener Spieler, die ihr Talent am meisten verschleuderten, würde sein Name ganz weit oben stehen. Aljaksander Hleb ist ein Paradebeispiel des schlampigen Genies.

„Ich lebe jetzt viel professioneller, ich ordne dem Fußball alles unter. Ich bin dankbar, dass ich jeden Tag das machen kann, was ich liebe.“ Worte, die Aljaksander Hleb im Herbst 2015 gesagt hat. Hleb ist 34 Jahre alt und spielt bei BATE Borissow. Jener Klub, für den er einst als 17-Jähriger im Profifußball debütiert hatte und der seit 2006 die weißrussische Meisterschaft abonniert hat. Mit zunehmenden Alter kam auch bei Hleb die Weisheit – zumindest ein bisschen.

Mit 19 Jahren wechselte der Weißrusse zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Wjatscheslaw nach Deutschland. Ziel der beiden war der VfB Stuttgart. Ihr Vater wollte das so, hatte er doch einen Teil seiner Militärzeit in Stuttgart verbracht. Sein Vater nahm schon immer eine entscheidende Rolle im Leben des Aljaksander Hleb ein. 1986 explodierte in Tschernobyl der Atomreaktor, Vater Hleb wurde vom sowjetischen Militär als Aufräumarbeiter dorthin geschickt. Als er aus der Ukraine zurückkam, schickte er seinen Sohn in die Fußballschule von Dinamo Minsk. Dinamo ist der Polizeiklub in Weißrussland – und der Lieblingsverein von Aljaksandrs Vater. Bis dahin war der kleine Hleb im Turn- und Schwimmverein aktiv gewesen, doch damit war jetzt Schluss. Schon bald mauserte er sich zu einem der größten Talente in der Minsker Nachwuchsakademie, ehe er 1998 schließlich nach Borissow ging. Sein Hang zur Schludrigkeit sowie eine gewisse Arroganz war dem jungen Hleb schnell anzumerken. Während eines Trainingslagers in Polen bekam die Mannschaft einen freien Abend zum ausgehen. Hleb entschied sich aber dafür, alleine im Hotel zu bleiben. Als die Teamkollegen zurückkamen, fanden sie den Jungprofi, der in seiner ersten Profi-Vorbereitung war, im Pool – zusammen mit einer Polin und einer Slowakin. „Als junger Fußballprofi glaubst du, die Welt gehört dir“, sagt Hleb heute.

Nach einem freien Abend in der Stadt, kam die Mannschaft in das Hotel zurück. Hleb war im Pool – zusammen mit zwei Frauen.

2009 wuchs dieses Selbstverständnis noch weiter an. Hleb sah sich auf dem Thron angekommen, in seiner persönlichen Wahrnehmung war er ein Superstar. Und Superstars müssen bei Superklubs spielen. Er wechselte zum FC Barcelona, der besten Mannschaft der Welt. Als Wunschspieler von Trainer Pep Guardiola gekommen und mit einer 90-Millionen-Ausstiegsklausel behaftet, war die Beziehung der beiden von Anfang an unterkühlt. Schon bei der Amerika-Tournee während der Vorbereitung sorgte Hleb mit Interviews über ein mögliches MLS-Engagement für Schlagzeilen. Zudem brauchte er Zeit, um sich an den einzigartigen Spielstil von Barca zu gewöhnen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen war die Personalsituation bei Barcelona. Das Mittelfeld der Katalanen war mit Xavi, Andres Iniesta, Yaya Tourè und Seydou Keita überdurchschnittlich stark besetzt. So setzte ihn Guardiola öfters auf die Bank, was Hleb wiederum gar nicht schmeckte. Er war ungeduldig und wollte immer spielen. Je länger Hleb bei Barcelona war, umso unzufriedener wurde er – und ließ Guardiola das deutlich spüren. Im Training krachten die beiden immer wieder aneinander, aus Trotz machte Hleb das Gegenteil von dem, was der Trainer von ihm verlangte. „Ich habe mich unglaublich dumm verhalten weil ich nicht verstanden habe, in welch großer Mannschaft ich spiele. Dass es bei Barcelona nicht geklappt hat, war zu 95 Prozent mein Verschulden“, sagt Hleb heute. Die restlichen fünf Prozent schiebt der Weißrusse Guardiola in die Schuhe. Seine Entscheidungen habe er oft nicht nachvollziehen können. Den aktuellen Manchester-City-Trainer hält er auch heute noch für einen guten, aber keinen überragenden Trainer.

Einen besseren Draht hatte der schlaksige Dribbelkünster zu Arsenè Wenger. Dieser gab ihm 2005 die Möglichkeit, sich bei einem großen Klub zu bewähren. Noch heute ist Wenger für Hleb der beste Trainer der Welt. Und im Gegensatz zu Guardiola hatte der Franzose mehr Geduld mit dem sensiblen Weißrussen. 15 Millionen war Arsenè Wenger der damals 24-jährige Hleb wert, für damalige Verhältnisse ein Mega-Transfer. In der Weltstadt London angekommen, hatte er allerdings erst einmal erhebliche Anlaufschwierigkeiten. Er war das Tempo der Premier League nicht gewohnt und konnte nicht mehr dribbeln wie er wollte, zudem musste er seinen Lebensstil anpassen. In seiner Anfangszeit bei Stuttgart ging er mit seinem Bruder jeden Tag zu McDonalds, jetzt bekam er einen genauen Essensplan. Doch Wenger wusste um die Qualitäten von Hleb und gab ihm die nötige Zeit. Die Geduld des Franzosen wurde belohnt. Im Mai 2006 stand Arsenal in Paris im Champions-League-Finale. Obwohl die Engländer nach der Roten Karte von Jens Lehmann über 70 Minuten lang in Unterzahl spielten, lagen sie lange in Führung. Erst in der 81. Minute drehte ein Treffer von Rechtsverteidiger Belletti das Spiel. Nach dem Spiel saß Hleb am Spielfeldrand und mit ihm weinte der Pariser Nachthimmel. Noch immer versteht der Weißrusse nicht, wie Arsenal das Spiel verlieren konnte. „Hätte es nicht geregnet, wäre das Spiel nie im Leben verloren gegangen“, so Hleb. Es ist pure Ironie, dass der Mittelfeldspieler den Henkelpott 2009 im Trikot des FC Barcelona gewann. Wobei „im Trikot“ nicht ganz richtig ist, denn während des Endspiels saß Hleb auf der Tribüne. Als er erfuhr, dass er von Guardiola nicht für das Endspiel nominiert wurde, wollte er sofort aus Rom abreisen. Nur mit Mühe konnte er davon abgehalten werden. Es sollte das wichtigste Spiel in seinem Leben werden, stattdessen wurde es die größte Enttäuschung.

Mit seinem Weggang aus London begann der sportliche Abstieg des Aljaksandr Hleb. Eine Entscheidung, die Hleb im Nachhinein oft bedauerte. Nachdem es bei Barca nicht nach Wunsch lief, stand er im Sommer 2009 vor einem Engagement bei Inter. Dessen Trainer Josè Mourinho wollte den Weißrussen unbedingt haben, doch der zierte sich. Zum einen wollte er nicht als Tauschware für Zlatan Ibrahimovic behandelt werden, zum anderen entsprach das Vertragsangebot der Mailänder nicht seinen Vorstellungen. So beschloss er, dass er zurück zum VfB Stuttgart wechseln wird. Als er auf dem Weg dorthin war, meldete sich Mourinho persönlich bei Hleb, um ihm zu sagen, dass das Problem mit dem Gehalt gelöst sei. Inter-Präsident Massimo Moratti würde ihm dasselbe bezahlen wie Barcelona. Plötzlich wollte Hleb nicht mehr zum VfB, doch als er auf dem Flughafen von Trainer, Präsident und Fans empfangen wurde, ließ er sich umstimmen. „Ich konnte nicht anders“, sagt Hleb und so „machte ich den größten Fehler meines Lebens.“ Anstatt mit Inter das Triple zu gewinnen, krebste er mit Stuttgart im Bundesliga-Mittelfeld umher, die Karriere war weiter im Sinkflug. Dabei hatte Hleb bei seinen Vertragsabschlüssen oft dasselbe Problem wie auf dem Fußballfeld: Er traf die falsche Entscheidung.

Aljaksandr Hleb ist ein begnadeter Fußballer. Er ist pfeilschnell, hat eine tolle Technik und ist ein Mann für den letzten Pass. Bei Arsenal und auch Barcelona wurde Hleb oft auf dem Flügel aufgestellt. Dabei ist er kein klassischer Flügelspieler. Das Spiel des Weißrussen ist diagonal angelegt, er dribbelt gerne vom Flügel oder Halbraum in das Zentrum und ist enorm stark in engen Räumen. Versucht der Gegner die Passwege zu versperren, bespielt Hleb das mit kurzen, kleinräumigen Dribblings und öffnet so Räume für Mitspieler und seine Lieblingsbeschäftigung: Das Eindringen in den Strafraum mit Doppelpässen. Klingt im ersten Moment sehr simpel, doch es gibt nur wenige Spieler, die das so perfekt und erfolgsstabil beherrschen wie Hleb. Zudem hat Hleb eine hervorragende Passtechnik, seine Zuspiele haben einen eleganten Touch und sind für die Mitspieler sehr einfach zu verarbeiten – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Alles in allem ein potenzieller Weltklassespieler, der auch in der Barcelona-Übermannschaft von 2008 seinen Platz hätte finden können.

Doch er ist eben auch ein schwieriger Charakter. Hleb gibt offen zu, dass er den vollen Rückhalt und das Vertrauen des Trainers braucht, um zu glänzen. Kontinuität ist ihm wichtig, doch selbst hat er die seit seinem Weggang von Arsenal nie gefunden. In den sechs darauffolgenden Saisonen spielte er bei sieben Vereinen. Zuvor waren es drei Klubs in neun Jahren. Zudem war er immer wieder verletzt, was auch seinem legeren Lebensstil zuzuschreiben ist. Mit seinen Aussagen sorgte er ebenfalls regelmäßig für Gesprächsstoff. Als er bei Birmingham war, zog er mit einem Interview für den TV-Sender ESPN den Zorn der Fans auf sich. Halb im Scherz, halb ernst gemeint sagte er, dass er nicht überrascht sei, dass Arsenal seit seinem Abschied keinen Titel mehr gewonnen hat. Schließlich, so Hleb, hätte er ja den Verein verlassen. Zudem würde er das Kick and Rush von Birmingham nicht besonders mögen, es sei nicht seine Vorstellung von Fußball. In London wäre es besser gewesen. So weit, so gut. Als er aber zum Abschluss mit einem Lächeln im Gesicht sagte, dass der Sender anstatt des Birmingham-Shirts – welches im Hintergrund hing – doch besser ein Arsenal-Trikot aufgehängt hätte, kochten die Fans vor Wut. Hleb entschuldigte sich, er hatte es als Scherz verstanden. Nach einem Jahr mit sieben Scorerpunkten in 24 Spielen war auch bei Birmingham Schluss. Es folgten Intermezzos in Samara und Wolfsburg, 2012 ging er zum ersten Mal zurück nach Hause. BATE Borissow hatte sich für die Champions League qualifiziert, Hleb sah die Chance gekommen, sich auf höchster Ebene noch einmal für die europäischen Topligen interessant zu machen. Tatsächlich machte BATE in der Königsklasse auf sich aufmerksam, so musste z.B. der große FC Bayern mit einer Niederlage im Gepäck die Heimreise antreten.

„Die türkischen Trainer sind Idioten. Sie lassen dich laufen, aber Fußball trainierst du nicht.“

Aljaksandr Hleb, nach seinem Abschied aus der Türkei

Hleb wechselte anschließend zum türkischen Aufsteiger Konyaspor. Kein Spitzenklub, aber immerhin eine neue Chance im Ausland. Doch als er herausfand, dass die schönen Lichter in der Nacht alles nur Kebab-Buden waren, gefiel es ihm nicht mehr in Konya. Er übersiedelte nach Ankara zu Gençlerbirliği, weil es dort Direktflüge nach Minsk gibt. Sportlich brachte es ihm nicht viel, außer der Erkenntnis, dass alle türkischen Trainer Idioten sind, weil sie anstatt Fußball-Training Laufeinheiten um den Platz bevorzugen würden.

hleb-75142177
Mit BATE Borissow kehrte Hleb 2015 in die Champions League zurück.

2015 kehrte Hleb zu BATE Borissow, dem ehemaligen Werksklub einer Traktorenfirma, zurück. Dort ist er einer der Leistungsträger und auch in der Nationalmannschaft ist Hleb noch aktiv. 75 Länderspiele hat er für sein Land bisher bestritten, zwischenzeitlich war er sogar Kapitän. Überzeugt hat er im weißrussischen Trikot allerdings selten. Viele Weißrussen setzten die Hoffnungen in Hleb um einmal bei einem Großturnier dabei zu sein in Hleb – was allerdings nicht gelang. Ein Umstand, den Hleb indirekt auch auf seine Mitspieler schiebt. Schließlich kann nicht einmal Messi bei der Nationalmannschaft den Unterschied ausmachen, so seine Meinung. Dabei nahm sich Hleb selbst viele Freiheiten. Während das gesamte Team im Bus die Auswärtsfahrten in Angriff nahm, ließ sich Hleb stets im Privatauto nebenher kutschieren. Sergei Gurenko, den damaligen Kapitän der Nationalmannschaft, trieb das zur Weißglut. Er bezeichnete Hleb als Narzisst, der seine eigenen Interessen weit über jene der Mannschaft stellt.

„Als junger Fußballprofi glaubst du, die Welt gehört dir.“

Aljaksandr Hleb

Es bleibt dabei, Hleb hat seinen eigenen Kopf – und genau der stand ihm in seiner Karriere oft im Weg. Er war ein herausragender Fußballer, einer der zu jeder Zeit den Unterschied ausmachen konnte. Aber es gab auch die andere Seite. Den ungeduldigen, trotzigen und selbstverliebten Aljaksandr Hleb. Eine Mimose, die beim kleinsten Rückschlag das Weite und den einfachen Weg suchte. Heute weiß Hleb, dass er Fehler gemacht hat – und dass es Spieler wie er schwierig haben. Bei BATE ist Hleb zwar immer noch der Star, aber auch ein Vorbild für die jungen Spieler: „Ich sage ihnen jeden Tag, dass es ein Geschenk ist, so talentiert zu sein. Doch Talent allein reicht nicht. Man muss hart arbeiten, denn jeder ist ersetzlich.“ Aljaksandr Hleb weiß wovon er spricht, er hat es am eigenem Leib erfahren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s