Wie der lombardische Traditionsklub dem italienischen Fußball zu neuem Glanz verhilft

Der italienische Fußball ist tot! Wettbetrug, marode Stadien und dazu der offensichtliche Zuschauerschwund. Es scheint schlimm bestellt um den Calcio. In der Tat hat der Fußball im Stiefelstaat schon bessere Zeiten gesehen. Doch unter dem Deckmantel des täglichen Gejammere der italienischen Medien und Sportgazetten, hat sich eine neue Generation an hochtalentierten Fußballern entwickelt. Vor allem ein Verein spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Es gibt Schöneres als kalte Wintertage in der Lombardei. Dann präsentiert sich die norditalienische Industrie-Region grau und trist, nicht selten schleichen unheimliche Nebelschwaden über die Felder am Fuße der Alpen. 50 Kilometer vor der lombardischen Hauptstadt Mailand liegt Bergamo. Die 120.000-Seelen-Stadt liegt direkt an der A4, der drittlängsten italienischen Autobahn. An und für sich nichts Besonderes. Dass Bergamo aktuell dennoch italienweit Beachtung findet, liegt am dort ansässigen Fußballklub Atalanta. Zwar gehört Atalanta zum Serie-A-Inventar, doch groß in Erscheinung getreten ist der Traditionsklub nie. 1907 gegründet sind die Bergamasker jener Klub mit den meisten Serie-A-Teilnahmen, ohne jemals eine Meisterschaft gewonnen zu haben.

Der Gasperini-Style

Giampiero Gasperini ist den meisten Fußballfans als gescheiterter Inter-Trainer im Gedächtnis geblieben. Doch das wird dem Dreierketten-Verfechter und bekennenden Juventus-Fan nicht gerecht. Der ehemalige Profi machte vor allem bei seinen Engagements in Genua auf sich Aufmerksam. 2006 übernahm Gasperini zum ersten Mal beim CFC Genoa. Die Hafenstädter waren nach dem Wettskandal auf dem Wege der Rehabilitation und machten im Frühjahr 2007 den Aufstieg in die Serie A perfekt. In der Folge hielt Gasperini Genoa in der höchsten italienischen Spielklasse und schaffte am 7. Dezember 2008 den ersten Derby-Sieg über den verhassten Stadtrivalen von Sampdoria seit fünf Jahren. Am Ende der Saison qualifizierten sich die Rot-Blauen nur aufgrund des direkten Vergleichs gegenüber der Fiorentina nicht für die Champions League. Schon damals das Merkmal von Gasperini: Sein eigenwilliges Spielsystem.

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Giampiero Gasperini glaubt seine jungen Spieler aus der Atalanta-Schmiede. Für den Klub ist das Gold wert.

Gasperini ließ seine Mannschaft in einem 3-4-3-System auflaufen. Eigenwillig nicht deshalb, weil zu dieser Zeit kaum Dreierketten gespielt wurden. Wohl aber weil das Konstrukt einige bemerkenswerte Eigenheiten zu bieten hatte.

Spielzüge durch das Zentrum gibt es bei Gasperinis Mannschaften kaum. Während viele Trainer ihre Flügelstürmer immer wieder in die Halbräume einrücken lassen (Antonio Contes Chelsea ist im Moment ein gutes Beispiel dafür), hielten die Genoa-Spieler im Normalfall die Breite und waren auf Pärchenbildungen mit den offensiv agierenden Wingbacks aus. Im Zusammenspiel mit den Achtern und den weit aufrückenden Halbverteidigern wurden somit  flexible Dreiecke und Rauten hergestellt und Flügeldurchbrüche erzwungen. Im Sturmzentrum baut Gasperini gerne auf einen bulligen Wandspieler. Bei Genoa hieß dieser Marco Borriello, aktuell bei Atalanta Andrea Petagna.

Viel verändert hat Gasperini seine Spielweise in den darauffolgenden Jahren nicht. Auch wenn die aktuelle Atalanta-Mannschaft flexibler und nicht ganz so vertikal wie sein CFC Genoa daherkommt, sind die Grundprinzipien dieselben geblieben. Allerdings variiert Gasperini inzwischen ein bisschen. So läuft Atalanta heuer auch öfters in einem 3-4-1-2, mit dem Slowenen Jasmin Kurtic als rochierendem Zehner, auf. Dazu kommen ein paar interessante Spielertypen wie Kapitän Alejandro Gomez (er driftet gerne durch die Halbräume) oder der junge Franck Kessie. Eine Eigenschaft macht Gasperini besonders wertvoll für Atalanta. Gasperini ist bekannt dafür, junge Spieler zu fördern und ihnen sein Vertrauen auch in Krisenzeiten zu schenken. Beileibe keine Selbstverständlichkeit im knallharten Profigeschäft – und in Italien schon gar nicht. Für Atalanta ist dieser Umstand aber Gold wert. Denn der Jugendsektor der Lombarden zählt zur Weltspitze.

Der weltberühmte Jugendsektor von Atalanta

Schon seit jeher hat sich Atalanta eine hochklassige Jugendarbeit auf die Fahnen geschrieben. Nicht umsonst gilt der Nachwuchssektor der Lombarden als einer der besten in Europa. So war zum Beispiel Gaetano Scirea, weltberühmter Libero und Juventus-Legende, ein Produkt aus der Atalanta-Jugend und Milan-Youngster Manuel Locatelli spielte ebenfalls bis zu seinem 12. Lebensjahr bei den Schwarz-Blauen. Auch der aktuelle Kader hält ein paar sehr interessante Namen aus dem eigenen Nachwuchs bereit. Der bekannteste aus der jüngsten Atalanta-Nachwuchsgeneration ist Roberto Gagliardini. Der 22-jährige Mittelfeldmann schaffte im Herbst 2016 den Sprung in die italienische Nationalmannschaft und wechselte im Jänner für übertriebene 27 Millionen Euro zu Inter. Innenverteidiger Mattia Caldara (22) wird ab 2018 für Rekordmeister Juventus spielen und Alberto Grassi (21) wurde schon vor einem Jahr nach Neapel transferiert. Dort verletzte sich der U21-Nationalspieler schwer und ging deshalb im Sommer zurück nach Bergamo. Dort bekommt der Mittelfeldspieler regelmäßig Spielpraxis, ebenso wie Rechtsverteidiger Andrea Conti (22). Weitere Beispiele? Torhüter Marco Sportiello (24) –er steht im Dunstkreis der Nationalmannschaft – steht seit letztem Transferfenster in Florenz zwischen den Pfosten und mit Riccardo Montolivo und Giacomo Bonaventura (beide Milan) stammen zwei weitere Nationalspieler aus der Atalanta-Schmiede. Übrigens: Beim 3:0-Pokalerfolg über Pescara standen Christian Capone und Alessandro Bastoni in der Startelf. Innenverteidiger Bastoni stand auch im Ligaspiel gegen Sampdoria (das Match wurde mit 1:0 gewonnen) über 90 Minuten auf dem Platz. Dieses Mal zusammen mit Filippo Melegoni. Alle drei sind Jahrgang 1999. Atalanta war damit die erste Mannschaft in einer Topliga, wo zwei Spieler dieses Jahrgangs zusammen in der Startelf standen.

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Jubel bei Kessie, Freuler, Caldara & Co.: Kein seltenes Bild in der aktuellen Saison.

All diese starken Jugendspieler sind kein Zufallsprodukt. Im Gegensatz zu vielen anderen Serie-A-Klubs investiert Atalanta verhältnismäßig viel Geld in das Nachwuchszentrum – mit Erfolg. Zudem verfügen die Bergamasker über eine herausragende Scouting-Abteilung. So wurde 2014 der damals 18-Jährige und total unbekannte Franck Kessie vom Stella Club aus der Elfenbeinküste verpflichtet. Mittlerweile ist der vielseitige Mittelfeldspieler eines der gefragtesten Talente im Weltfußball und wird wohl kaum über den Sommer hinaus in Bergamo spielen. Mit dem 18-Jährigen Emanuel Latte Lath steht schon der nächste Senkrechtstarter aus dem westafrikanischen Land in den Startlöchern. Im Pokal gegen Juventus hat der Stürmer aus dem eigenen Nachwuchs sein Potenzial mit einem Treffer schon einmal angedeutet.

Wie weit kann Atalanta heuer kommen?

Trainer Giampiero Gasperini hat innerhalb weniger Monate ein starkes und funktionierendes, aber auch sehr eigenartiges und spezielles Kollektiv erschaffen. Atalanta’s Pressing und das aggressive Vorwärtsverteidigen überzeugen und sind vor allem gegen schwächere Gegner eine Waffe. Zudem ist Atalanta stark bei Standardsituationen. Trotzdem: Gegen gut organisierte Teams, die es schaffen die Mannorientierungen geschickt zu umspielen und die Mannschaft auf dem Flügel zu isolieren, kriegen sie Probleme. Allerdings gibt es im Moment noch nicht viele Mannschaften, die das erfolgsstabil hinkriegen. Selbst Serienmeister Juventus hat hiermit oft seine liebe Not und auch die Roma unter Luciano Spalletti schaffte es im Herbst nicht, ein Mittel gegen Atalanta zu finden. Einzig Maurizio Sarri’s Napoli bespielt mannorientierte Systeme regelmäßig sehr effizient. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass Atalanta in der Rückrunde abfällt.

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